Aaron Alexandre Cuyugan (er/ihm) arbeitet im Team für Klimagerechtigkeit beim Konzeptwerk Neue Ökonomie. Er ist zertifizierter Politikanalyst, angehender Fotojournalist und engagierter Umweltaktivist. Der Schwerpunkt seiner Projektarbeit liegt derzeit darauf, das Thema Klimareparationen und Klimagerechtigkeit für den Globalen Süden in den Fokus der deutschen Zivilgesellschaft zu rücken.
Lieber Aaron, wann ist dir zum ersten Mal bewusst geworden, wie eng die Kolonialgeschichte und die aktuelle Klimakrise miteinander verbunden sind?
Zum ersten Mal wurde mir der enge Zusammenhang zwischen Kolonialgeschichte und der Klimakrise während meines Studiums an der Westküste von Turtle Island (dem heutigen Kanada) bewusst – auf dem nicht abgetretenen Gebiet der Squamish und Musqueam, als ich mich mit dem Widerstand der indigenen Völker, ihren Land- und Wasserrechten sowie der Arbeit der Land- und Wasserschützer beschäftigte. Durch mein Engagement in dekolonialen Bewegungen und Initiativen zum Ausstieg aus fossilen Brennstoffen an meiner Universität konnte ich meinen Blickwinkel auf den weltweiten Kampf für den Klimaschutz erweitern.
Der Zusammenhang zwischen Kolonialismus und der Klimakrise wird zunehmend diskutiert. Wo siehst du die deutlichsten kolonialen Kontinuitäten in den heutigen globalen Wirtschafts- und Klimastrukturen?
Als Aktivist glaube ich, dass die deutlichsten kolonialen Kontinuitäten, die wir heute beobachten können, darin sichtbar werden, wie die EU und andere wohlhabende Regionen nach wie vor von ihrem historischen imperialen Reichtum und ihrer geopolitischen Macht profitieren. So führen beispielsweise Handelsungleichgewichte, Rohstoffabbau sowie globale Ungleichheiten bei der Staatsverschuldung und strenge Handelsregeln dazu, dass Länder mit niedrigem Einkommen an Rohstoffexporte gebunden bleiben; diese Strukturen spiegeln sich in der Fortdauer kolonialer Narrative und ungleicher Machtverhältnisse in internationalen Klimaverhandlungen wie den COP-Prozessen wider.
Staatsverschuldung, ungleiche Handelsbedingungen und Investitionsregeln zwingen ärmere Staaten oft dazu, Exporteinnahmen Vorrang vor dem ökologischen Schutz im eigenen Land zu geben, wodurch ressourcenausbeuterische Entwicklungswege reproduziert werden.
Gibt es Beispiele für Staaten, Institutionen oder Bewegungen, die deiner Ansicht nach wichtige Schritte in Richtung einer restaurativen Gerechtigkeit unternehmen?
Ich glaube, dass die indigene Bewegung Brasiliens nach wie vor ein äußerst wichtiges Symbol des Widerstands gegen Kolonialmacht und Korruption ist, insbesondere durch den von den Gemeinschaften getragenen Schutz des Amazonasgebiets, wo restaurative Justiz mit Territorium, Selbstbestimmung und ökologischer Wiedergutmachung verbunden ist. Auch anderswo, beispielsweise in Indien, zeigen lokale restaurative Praktiken im Zusammenhang mit Ressourcenkonflikten Wege zur Wiedergutmachung auf – insbesondere dort, wo Gerichte oder die Politik begonnen haben, traditionelle Ansprüche anzuerkennen.
Veranstaltungstipp:
Zusammen mit Aaron sowie weiteren spannenden Gästinnen und Gästen wollen wir am 1. Juli darüber diskutieren, warum Klimagerechtigkeit ohne die Anerkennung historischer Verantwortung nicht möglich ist und welche Rolle Reparationen in diesem Kontext spielen. Es geht um mehr als finanzielle Ausgleichsmechanismen: Es geht um Würde, Teilhabe und die Frage, wie wir globale Strukturen so verändern können, dass Ausbeutung — ob durch Menschenhandel oder klimabedingte Ungerechtigkeiten — nicht länger fortbesteht.
Wir laden euch herzlich ein, an dieser wichtigen Diskussion teilzunehmen und gemeinsam über Wege in eine gerechtere Zukunft nachzudenken:
👉 https://w3-hamburg.de/termin/climate-justice-and-the-case-for-reparations/
